Trauerfeier
From: Alfred Ruppert <Ali.Ruppert@t-online.de>
Newsgroups: t-online.talk.allgemein
Subject: Re: Falsche Rechnung/Rückerstattung?
Date: Wed, 28 Nov 2001 20:37:06 +0100
Message-ID: <9u3hti.3s4nidd.1@Ali.Ruppert.dialin.t-online.de>
T-Online-Lot^H^H^HTeamie meinte:
>Qvr Genhresrvre vfg jvpugvtre: Qn tvog rf vzzre Xnssrr haq Xhpura
>hzfbafg. Qvr Vairfgvgvba va rvarz fpujnemra Namht ung fvpu trybuag!
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Du warst schon lange nicht mehr auf einer richtigen Beerdigung, oder?
Na, dann betrachten wir das "Lohnenswerte" mal etwas genauer.
Investition: ein paar Hundert Mark für einen einigermassen passablen,
schwarzen Anzug.
Erlös: "Eine schöne Leich", wie mensch in Oberbayern folgenden Exzess
umschreibt.
Vor dem Friedhof trifft sich die trauernde Verwandtschaft; so manches
Papiertaschentuch wird wegen reichlich fliessender Tränen seiner ord-
nungsgemäßen Bestimmung zugeführt, während in Gedanken (leise Trauer-
musik von der Beerdigungskapelle ist zu hören) bereits das Fell^WErbe
des verstorbenen Onkel Herbert verteilt wird. Vetter Hermann und Bru-
der Thomas, die schon seit Jahren die Straßenseiten wechseln, sollten
sie sich aus Versehen in der Stadt treffen, versichern sich gegensei-
tig ihre tiefe Trauer, während Tante Hermine spitz bemerkt, dass Cou-
sine Rosalie ihren Bauch wohl nicht alleine vom Essen und Trinken be-
kommen habe. Nachdem leiser Schneefall einsetzt, machen die in weiser
Voraussicht mitgeführten Flachmänner verstohlen die Runde, was jedoch
zur Folge hat, daß Onkel Maximilian ("So eine Schande!") beim letzten
Gruss gerade noch vor dem Sturz in das Grab bewahrt werden kann. Ver-
einzelt hörbares Gekicher wird unter den bösen Blicken der anwesenden
weiblichen Verwandtschaft krampfhaft unterdrückt.
Wer meint, nun sei das Schlimmste überstanden, hat sich in seinem Le-
ben noch nie so furchtbar getäuscht.
In der Gastwirtschaft werden nun, noch bevor die Suppe serviert wird,
schon die ersten Weizenbiere und Schnäpse geordert, um den nun fälli-
gen Smalltalk einigermassen ohne Schaden an Körper und Geist zu über-
stehen. Jetzt segelt im Bewußtsein ihrer knapp zwei Zentner Tante Ge-
noveva durch den Saal und "erfreut" Dich mit den seit Deiner Kindheit
verhassten, vor Feuchtigkeit triefenden Wangenküssen. "Mei, bist groß
gwordn, Bua, lernst aa fleissig auf'd Schui? Dusd aa die Lehrer schee
folgn?" - "Ja, Tante, ich arbeite gerade für meine Diplomarbeit." Die
soeben servierte Suppe erspart Dir weiteres Gschmarr und Du sitzt ne-
ben liebenswürdigen Leuten, die Du das nächste Mal frühestens zu Dei-
ner eigenen Beerdigung treffen willst.
Nach dem Mittagessen (erwähnte ich schon die reichlich bestellten und
ordentlich vernichteten Verdauungshilfen?) erreicht die Stimmung ("E-
gon! Du trinkst jetzt keinen Schnaps mehr!" - "Auf einem Bein steht's
sich aber schlecht! Noch einen bitte!") den ersten Höhepunkt. Während
des Kaffeetrinkens, bei dem Dir Dein kleiner Neffe ("Ist er nicht ein
goldiges Kind?") unbemerkt Ananassahnetorte auf den neuen Anzug klei-
stert, da Du Dich lieber mit der hübschen, langhaarigen Tochter eines
entfernteren Onkels unterhältst; das Du ansonsten aber schadlos über-
stehst und schon aufs Beste hoffen willst, nimmt das Schicksal seinen
Lauf.
Um die lange Zeit bis zum Abendessen nicht zu vergeuden, haben entge-
gen dem Willen ihrer Ehefrauen vier Hartgesottene begonnen, Schafkopf
zu spielen. Die erste Ramschrunde wird (mit logisch folgendem doppel-
ten Obstler) unter raunendem Getuschel vieler Anwesender dem ja herz-
lich geliebten Herbert gewidmet, "der den Obstler bestimmt auch nicht
hätte alt werden lassen!".
Währenddessen ertönt an einem anderen Tisch keifendes Getöse; da sind
sich wohl Tante Margot und Cousine Griseldis in die kaum noch vorhan-
denen Haare geraten. Weil jedoch begonnen wird, das reichliche Abend-
essen zu servieren, ist der beginnende Streit aufgeschoben, aber noch
lange nicht aufgehoben.
Abgesehen von einem verschütteten Weissbier, welches Onkel Maximilian
übereifrig vom Tisch und drei gegenüber Sitzenden in den Schoß fegte,
bleibt das Mahl ohne weitere Folgen.
Doch schon beim Dessert keift Margot, "Das kleine kreischende Etwas",
daß Griseldis' Nachspeise reichlicher als ihre eigene ausgefallen sei
und ob sie selbst hier belogen und betrogen werde. Griseldis, mit der
Figur einer venetianischen Galeasse gesegnet, will gerade zornig ant-
worten, als lautstarkes Gelärme, verbunden mit Gläserklirren, aus der
Ecke der Kartbrüder alles übertönt. "Wie koosdn Du a Sau schbilln mid
ohna Drümbf, Du Kaschbä!" - "Hoid Dei bleeds Mai, Breiss, damischer!"
"Saudackel! Hends ihr im Urwald immer um Nüss kart!?" - "Vuordammisch
nuch emmah! Nu grachds a glei!"
Während sich nun eine zünftige Wirtshausschlägerei entwickelt und die
Perücke von Tante Margot wie ein Rehpinscher unter Speed über den ab-
geräumten Kartertisch segelt, verlässt Du dann besser die Trauernden;
nicht ohne zu bemerken, daß sich Hermann und Thomas, bewaffnet mit je
einer Gurkenzange und Tortenschaufel, hochroten Kopfes und mit aufge-
krempelten Ärmeln gegenüberstehen; Onkel Maximilian, sauber betrunken
und mit halb offenem Hemd, "Die Fahne hoch!" gröhlt und ganz nebenbei
und unbemerkt Kelvin, Dein "ach so süsser Neffe", dank vier Portionen
Nachtisch und einem Glas Kirschlikör, den er Genoveva heimlich wegge-
trunken hatte, überwältigt von Alkohol und Übelkeit, sich in die lin-
ke Jackentasche Deines Anzugs erbrochen hat; instinktiv wissend, dass
gerade und exakt dort Deine Autoschlüssel, Deine Ausweispapiere sowie
Dein Cellphone untergebracht waren.
Du begibst Dich langsam zum Ausgang; vorsichtig, damit Du nicht wegen
des verschütteten Kartoffelsalats ausrutscht. Gelassen weichst Du ei-
nem tieffliegenden Weizenglas aus und vergisst trotzdem nicht Alfons,
einem Deiner Lieblinksonkel, beiläufig und unauffällig mit dem Feuer-
zeug ein paar Löcher in die Anzugjacke zu brennen. Während von weitem
das tatü-tata der alarmierten Polizeistreifen wahrzunehmen ist, musst
Du insgeheim doch, voller Stolz auf Dich und Deine bucklige Verwandt-
schaft, zugeben: "Des war a schööna Leich!"
Grüßle
A "Ist es *das*, was Du meinst?" li
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